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Das Ding mit der Identifikation

 

Hochsoziale Tiere wie wir sind darauf gepolt, in Gemeinschaften zu leben. Das schafft Sicherheit und Vorteil gegenüber kleineren Gruppen. Der Versuch, alleine zu überleben war in Vorzeiten eher nicht ratsam und ist es auch heute  nicht. Ein stabiles soziales Netz ist nach wie vor wichtig, auch wenn sich der Kontakt immer mehr ins Digitale verlegt. Dennoch: Die Identifikation als Zugehörigkeit zu Anderen ist eine Art Überlebensmechanismus.

 

Aber wie und zu wem fühlt man sich zugehörig? Noch vor einigen Jahren waren die Rollen sehr klassisch aufgeteilt, Frau/Mann/Kinder – alle hatten ihre jeweiligen Rollen und die Altersstruktur legte relativ genau fest, wie du dich wo und wann in deinem Leben befindest und was du gerade zu tun hast. In unseren Zeiten kann jeder eigentlich alles machen und das in jedem Alter: Eine 72-jährige kann ihre Doktorarbeit schreiben oder Highfashion für Karl Lagerfeld laufen. Du kannst mit Mitte 40 alles hinwerfen und ein Start-up für Kakteen-E-Commerce gründen. Ein 10-jähriger kann einen wissenschaftlichen Blog starten.

 

Ich empfinde das als große Freiheit! Aber bei mir verschwimmen hier die Grenzen, zu wem möchte ich mich denn zugehörig fühlen?

 

Mein Gesicht gehört nur mir

Ich wuchs in einem guten Elternhaus auf, das allerdings nicht aus meinen leiblichen Eltern bestand. Ich identifiziere mich zwar stark mit den Beiden und habe viele Verhaltensweisen von ihnen adaptiert, aber die richtige Identifikation, besonders der Blick in sich ähnelnde Gesichtzüge, das fehlt mir. Als mein Kind geboren wurde und heranwuchs, stellte ich leidvoll fest, dass sie bei der Verteilung der Gene besonders oft bei den Genen ihres Vaters „hier“ gerufen hat. Sie sieht aus wie er in klein und zu allem Überfluss wie seine Mutter. Wäre ich bei der Geburt nicht dabei gewesen, ich hätte einen Mutterschaftstest verlangt. Bleibt mir also nur die Identifikation mit meinem Gesicht. Das sieht immer mehr aus wie das meiner verstorbenen Oma. Okay, kann ich mit Leben, ich schau eher unbefangen in den Spiegel. Aber komisch ist das schon, wenn ich Freundinnen und ihre Mütter sehe. Meine Freundin Alina könnte buchstäblich der Zwilling ihrer Mutter sein, das muss schön sein, das hätte ich tatsächlich auch gerne.

 

Age ain’t nothin’ but a number

Ich liebe Musik heute noch genauso wie mit 6, 9, 11 oder 18. Ich lese nach wie vor Rapblogs wie blogbuzzter, ich geh auf Festivals wie das Spektrum. Da fühle ich mich zuhause und keinen Tag älter als die Studenten, die mich zum Original Wu-Tang Shirt aus den 90ern feiern und auf 27 schätzen. Dabei bin ich mit eine der Ältesten auf dem Gelände. Ich geh meist alleine auf Festivals, denn von meinen Freundinnen hört eigentlich keine Rap oder geht noch auf Festivals. Also gehe ich alleine, streune rum, treffe hier und da Leute und feiere das Leben. Auch auf dem kommenden Dockville Festival bin ich zwar alleine, treffe aber viele tolle Menschen  – die sind ausnahmslos alle jünger bis signifikant jünger. Abseits vom Festival gehe ich wirklich selten aus und liebe es zuhause zu sein. 22h ins Bett zu gehen ist mir quasi heilig! Ich verpasse da draußen nichts. Der (gefühlte) Zwang von früher, Donnerstags bis Sonntags auf der Strasse zu sein, ist weg. Das ist definitiv die 41-jährige, die das so sieht. Kennt ihr das vielleicht? Das kennen meine jüngeren Freunde nämlich so nicht. Hands up please - wo sind denn die anderen, denen es so geht wie mir. Meine Identifikation-Soulsister-And-Brothers?

 

Optimierung, Filter und Avocadotoasts

Und dann bleibt da ja noch diese auf Optimierung und Filter angelegte Welt da draußen. Hashtags wie #wanderlust #avocadotoast #butfirstcoffee spiegeln eine Welt wider, die langweiliger nicht sein könnte. Alles gleich, alles tausendfach gesehen. Bento hat darüber letztens geschrieben, es sprach mir aus der Seele. Und die wundervolle Ada Blitzkrieg erst auf refinery29. Tenor: Ja, is ok alles hübsch zu gestalten aber wo bleibt bitte die Realität und damit der Individualismus. Mit dem würde ich mich gerne identifizieren. Ich steh auf Ecken und Kanten, ich mag Menschen mit Stimmen und einer Meinung. Wenn wir alle gleich aussehen in der sozialen Welt, aber ohne Filter, Belichtung und Pose eigentlich ganz anders – was macht das mit unserer Selbstwahrnehmung und der Identifikation? Ich finde es ja schon verwirrend, noch im Spiegel echt ganz hübsch ausgesehen zu haben und 2 Minuten später auf einem digitalen Foto dann plötzlich wie meine Großtante. Wie verwirrt es mich denn da, wenn ich mir ein komplettes digitales Make-over verpasse und aussehe wie die 4567.0987 Insta-Bloggerinen vor mir, die auf wundersame Weise aber auch alle über 40.000 Abonnenten haben. Sind das immer die gleichen? Und was macht das erst mit unserer Kinder? Lucky me, dass unsere Idole der Zeit eher Sandra und Nena waren. Ich hatte eigentlich nie Druck verspürt, wahnsinnig viel hübscher sein zu müssen.

 

Gefühlt bin ich bei 28 stehen geblieben und werde es so lange sein, bis ich mich erwachsener fühle. Keinen Zwang, damit aufzuhören ICH zu sein, egal ob auf dem Festival oder im Yogastudio umringt von 24-jährigen. Ich empfinde mich einfach zugehörig zu mehreren Gruppen und liebe die digitale Welt. Dass von den gleichaltrigen Freundinnen keine digital dabei ist, stört mich nicht. Dafür habe ich meine Endzwanziger-Freundinnen.

Wichtig im Sinne der Identifikation: Der Tochter ein gesundes Selbstbild zu vermitteln, auf dass das knallhübsche Wesen ihre Schönheit zu schätzen weiß, und sich nicht von YouTubern und der überfilterten Welt von Instagram kaputt machen lässt. Note to myself: gleiches gilt für mich.

 

 

 

Dieser Text erhält Werbung, da Marken- und Namensnennung, ist aber frei von jedweder Kooperation.

 

Foto: Emily Morter/Unsplash