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Mein Panikherz und Corona. Was die Krise mit mir macht.

Credit: Tonka/Unsplash

Ich habe ein Panikherz. Deshalb gerate ich relativ schnell in Panik, wenn es um die ganz großen Ereignisse geht. 9/11 war so ein Auslöser, der mir echte Herzprobleme verursacht hat. Atemlos saß ich in den Nächten des Septembers 2001 wach und habe mir live den beginnenden Afghanistan-Krieg angesehen. Auch die Terroranschläge im Bataclan oder in der Redaktion von Charlie Hebdo haben mich nachhaltig geängstigt. Ich habe Angst vor den Dingen, die unkontrollierbar scheinen. Und nun diese globale Krise, ausgelöst durch ein kleines Virus mit dem unscheinbaren Namen SARS-CoV-2 – oder einfach Corona. Was macht das mit mir, was macht das mit uns?

 

Im Krisenmodus

Ich habe gar keine Angst vor der eigenen Ansteckung. In Hamburg sind derzeit knapp 1.500 gemeldete Infizierte. Die Wahrscheinlichkeit, mich anzustecken, halte ich für gering. Und auch wenn ich mich anstecken sollte, so habe ich keine Angst vor einem schlimmen Krankheitsverlauf. Es ist die wirtschaftliche Situation, die mich beunruhigt. Wie gehe ich damit um? Ich lese Nachrichten. Die machen mich mal wütend, mal verängstigen sie mich, mal beruhigen sie. Dabei wäre es wahrscheinlich klug, derzeit auf Nachrichten zu verzichten. Warum? Weil es meines Erachtens niemanden gibt, der wirkliche Tatsachen schaffen kann. Alles fußt nur auf Vermutungen. Die Prognosen der Regierung im Hinblick auf Kurzarbeit oder Arbeitslosenzahlen werden immer wieder korrigiert, weil der Ansturm auf Ämter und Behörden nicht absehbar ist. Die Virolog*innen widersprechen sich teils gegenseitig. Die Zahlen des RKIs stimmen nicht mit denen des Hamburger Senats überein. Das verwirrt, das verängstigt und führt zu Falschinformationen. Und überdies: ich habe nichts davon unter Kontrolle. Egal, ob die sich anbahnende Weltwirtschaftskrise unsere bisherigen Wirtschaftsmodelle aushebelt, es zu einer De-globalisierung kommt oder der Kapitalismus stirbt, wie es dieser Artikel in Die ZEIT prophezeit: ich – kann – es – nicht – ändern. 

Vielleicht umtreibt mich auch deshalb so sehr die Frage nach dem Grund für die Heftigkeit, mit der die Welt auf die Ausbreitung des neuen Coronavirus reagierte. Die Asiatische Grippe, ausgelöst durch das Influenzavirus A/Singapore/1/57, wütete zwischen 1957 und 1959. Zwischen einer und zwei Millionen Menschen starben. Davon rund 30.000 Menschen in Deutschland. Aber die Berichterstattung und die Wahrnehmung war eine ganz andere. Sie wurde schlicht kaum beachtet. Es war einfach nur eine weitere Grippe – oder auch die Pandemie ohne Drama, wie der Medizinhistoriker Wilfried Witte sie nannte. Laut Wikipedia wurde zur Vorbeugung empfohlen, mit Wasserstoffperoxid zu gurgeln und formalinhaltige Tabletten einzunehmen. Ob Trump daher seinen „genialen“ Einfall hatte? Auch der mutierte Nachfolger, die Hongkong-Grippe führte zwar kurzzeitig zu Mundschutz am Arbeitsplatz, aber nicht zur Panik. Warum bricht also jetzt alles zusammen? 

Credit: Trnava University/Unsplash

Die Ungewissheit und das Streben nach Sicherheit

Vor einigen Tagen las ich in der Frauenzeitschrift Brigitte über die „Ungewissenheitsexpertin“ Rike Pätzold. Sie beschäftigt sich normalerweise mit der Zukunft. Mit Digitalisierung, mit Disruption und Volatilität; und jetzt gibt sie als Coach Klient*innen Beratung, wie diese lernen können, den Stress des Ungewissen auszuhalten. Sie sagt, dieser Zustand der Ungewissheit verlange ein bis drei Monate, bis sich unser Gehirn an die neue Situation gewöhnt habe. Bis wir besser fertig werden mit beängstigenden Schlagzeilen und den neuen Erfahrungen wie mit Masken einkaufen gehen oder dem Kontaktverbot. Ihr Credo: Wir sollten uns einen „Plan für Spontanität“ bauen. Ein bisschen Vorsorge, ein bisschen Spontanität. Denn die vollkommene Sicherheit gibt es nicht, auch nicht mit gut gefülltem Panicroom. Damit meint sie mich. Denn ich gehöre zur Gattung der Prepper: In meinem Keller lagern eigentlich immer genügend Vorräte. Ganz ohne Corona, einfach, weil das mein Panikherz verlangt. Es gibt mir das Gefühl von Sicherheit. Diese Sicherheit ist nicht real und das zu akzeptieren ist eine Herausforderung.

 

„It's OK to feel overwhelmed. Here's what to do next” ist der Titel des empfehlenswerten TED-Talks von Elizabeth Gilbert, Autorin von Eat, Pray, Love. Sie hat bekanntermaßen sehr unter Ängsten und Depression gelitten und spricht über Resilienz und Hoffnung, falsche Sicherheit und wie man mit den überwältigenden negativen Gefühlen besser umgehen lernen kann.


Das Prinzip Hoffnung

Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat einen Blick aus der Zukunft gewagt. Herausgekommen ist ein Text, der vielfach publiziert wurde und Hoffnungen weckt: Dass wir einfach aufwachen aus einem langen, lähmenden Traum. Dass wir noch einen schalen Geschmack wahrnehmen werden, aber irgendwie alles abschütteln können. Er blickt auf Straßencafés im Spätsommer, auf die wiedererstarkten zwischenmenschlichen Begegnungen. Wir haben zum Beispiel gelernt, wieder richtig zu telefonieren, statt uns mit kurzen Voicemessages zufrieden zu geben. Das ist ein schöner Ausblick, der Mut macht. 

 

Für meine Arbeitskollegen*innen und mich geht es ab Montag wieder ins Büro im Hamburger Schanzenviertel. Ich finde das gut. Viele meiner Kollegen*innen nicht. Ich denke, Schritte in Richtung Normalität sind wichtig. Beim Bäcker den Kaffee und ein Franzbrötchen kaufen oder vielleicht ein bisschen was für die neue Wohnung besorgen. Support your locals. Natürlich achte ich auf das Geld, unbedingt sogar. Aber gut investiertes Geld rettet grade kleine Läden – und damit Jobs und Kaufkraft.

 

Im Idealfall haben wir unseren oft maßlosen Konsum sowieso mal auf den Prüfstand gestellt. Was brauche ich, was brauche ich nicht. Vielleicht ist es nicht schlimm, wenn große Fast Fashion Ketten von der Bildfläche verschwinden. Vielleicht schätzen wir die kleinen, lokalen Produkte wieder mehr. Vielleicht wendet sich ein bisschen was zum Guten durch die Katastrophe Corona. Solidarität zu zeigen ist auf jeden Fall ein wichtiger Schritt, um die Krise gemeinsam zu meistern. Ob du Kulturschaffende unterstützen möchtest oder lieber dein Lieblingsrestaurant ist dabei ganz egal. Vielleicht schließt du ein Abo bei einem Printmagazin ab. Oder du spendest an soziale Vereine, die es derzeit besonders schwer haben. Ich supporte gerade wieder mal Karo e.V., die sich für minderjährige Opfer von Zwangsprostitution einsetzen. Und dabei bemerke ich einen schönen Nebeneffekt: Solidarität bringt auch Hoffnung mit sich. Hoffnung, die sich zum Glück auch zusätzlich von innen kultivieren lässt – in meinem Fall zum Beispiel mit Yoga. Bleibt gesund!

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