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Warum die Modeindustrie mich als dick einstuft

 

 

 

Es geht um diesen Satz, der mir dieser Tage über die Lippen ging: „F*ck, mir passt keine Jeans mehr!“

 

Ehrlich gesagt, hätte ich nie gedacht, dass ich das mal sagen würde. Schließlich gab es dazu auch nie einen Grund, denn in meinen 20er- und 30-Jahren war ich noch mit einer schlanken und eher großen Statur gesegnet. Auch jetzt mit über 40 finde ich meine Figur eigentlich immer noch ganz ok und sogar ziemlich durchschnittlich. Die fairen Modehersteller sehen das aber offensichtlich ganz anders, denn: mir passen keine der angebotenen regulären Jeansgrößen mehr. Gut, ich habe in den letzten zwanzig Jahren ein Kind bekommen und durchschnittlich jedes Jahr ein halbes Kilo zugenommen. Und überhaupt, es ist ja logisch, dass sich ein Körper verändert. Aber mit einem BMI im Normalbereich, bei auf 173cm Körpergröße verteilten 69 Kilogramm, liege ich meinem Alter entsprechend ganz prima auf Linie, finde ich. Aber warum passen mir dann keine Sachen mehr? Wieso erklärt mich die Fair Fashion Industrie damit schon zu Plus Size und schmeißt mich als Kundin raus?

 

Was heißt hier eigentlich „dick“?

Zunächst einmal: Ich selber finde mich überhaupt nicht „dick“. Als Teenager war ich mit rund 57 Kilogramm ein ganz schlankes Ding – einem Top-Stoffwechsel und guten Körperbaugenen sei Dank. Erst ein paar Jahre später setzte die „Verfraulichung“ meiner Figur ein – an Hüfte, Bauch und Oberschenkeln – und parallel die immer lauter werdende Flüsterstimme: „Du bist zu dick.“ Ob es an den Modezeitschriften lag, dem Heroin-Chic à la Kate Moss oder an den Bemerkungen männlicher Kollegen, die mir auf den Kopf zusagten, ich könne ruhig mal ein paar Kilo abnehmen (bei höchstens 65 Kilogramm auf den Rippen), wer weiß das schon so genau. Im Laufe der Jährchen kam dann wie gesagt ein Kilo nach dem anderen dazu und ich war mal mehr, mal weniger irritiert davon, aber Jeans und andere Klamotten gab es bei meinen Fair Fashion Lieblings-Stores jedenfalls noch immer in meiner Größe zu kaufen. Heute trage ich die Konfektionsgröße 40/42. Und ich bleibe dabei: Ich empfinde mich nicht als „dick“. Das hat weniger mit Body Positivity zu tun, sondern mit meinem Selbstbild und meiner Wahrnehmung, was ich eigentlich als „dick“ empfinde. Ich sag mal so, „dick“ beginnt bei mir eher bei hohem Mehrgewicht im adipösen Bereich und auch da verlange ich von der Textilindustrie modische Lösungen. Schließlich sollten wir nicht Diät halten müssen, um eure Produkte tragen zu dürfen. Wir, die Konsument*innen, sollten von euch Herstellern Produktvielfalt erwarten dürfen – und zwar bezogen auf Größen und nicht nur auf Farben. Am I right?

 

Nachgehakt – die Durchschnittsfrau in Zahlen

Das Statistische Bundesamt hatte 2017 folgendes veröffentlicht:

Die deutsche Durchschnittsfrau ist ungefähr 1,67cm groß, wiegt in meiner Altersklasse (40 bis 45) 68,7 Kilo und trägt dementsprechend eine gute 42 bis 44. OK, liebe Industrie: Da frage ich mich doch, wieso Frauen jenseits der 38 von euch abgestraft werden? Ich verstehe, dass extreme Sondergrößen schwieriger zu produzieren sind, vor allem, wenn man auf eine nachhaltige Produktionskette mit wenig bis keinen Materialüberschuss Wert legt. Und doch müsste doch gerade im Bereich Fair Fashion Diversität GROSS bis GRÖSSER geschrieben werden. Die Body Positivity Bewegung gibt es ja auch nicht erst seit gestern und wir in Deutschland haben viele Heroinen hervorgebracht, allen voran die heissgeliebte Melodie Michelberger. Sie ist ein Shootingstar der Revolte und hat erst kürzlich ihr Manifest „Body Politics“ als Buch veröffentlicht. Darin schreibt Melodie über die Schwierigkeit mit diesem Selbstliebe-Ding und wie Feminismus dazu beitragen kann, Millionen von Frauen dabei zu helfen, ihren Hass auf den eigenen, nicht „idealen“, Körper zu verändern. Tatsächlich kann aber auch die Modeindustrie hier ansetzen, denn je modischer man sich kleiden kann, je besser und freier fühlt man sich. Abgeschoben in die Ecke Große-Größen-Resterampe wird das Selbstbild nur noch schäbiger.

 

Her mit Ulla Poppken, weg von Armedangels?

Ich habe mich probehalber mal in den drei Shops, in denen ich gerne online fair shoppe, nach Jeans umgesehen. Das sind der Glore-Onlineshop, der Onlineshop von Armedangels und der Avocadostore. Spolier: Punkten konnte hier lediglich der Avocadostore, der einige Marken für kräftigere Figurtypen im Angebot hat. Allerdings gefällt mir leider keine der angebotenen Hosen, was zugegebenermaßen subjektiv und gerade bei Jeans sowieso schwierig ist. Eine Mom-Jeans gab es zumindest leider nicht. Umso schöner wäre eben ein größeres Angebot. Bei Glore gibt es lediglich ein Jeans-Modell in der Größe 34 (von Nudie Jeans), allerdings auch hier nicht der von mir präferierte Mom-Schnitt. Bei Armedangels werde ich gar nicht fündig, hier geht es maximal bis Bundweite 32. Deren Modell MAIRAA hat übrigens den Anstoß zu diesem Artikel gegeben, denn die Jeans habe ich zu Weihnachten bekommen. Sie passt nur leider nicht, da der Bauch schmerzhaft eingedrückt wird. Ich habe sie dennoch behalten, weil ich den Schnitt super schön finde. Irgendwie muss ich nun tricksen, denn ich werde nicht Armedangels zu Liebe Diät halten. Und wenn ich jetzt noch ein paar Tafeln Schokolade esse, falle ich als Kundin ganz raus bei Armedangels. Und das ärgert mich. Zumal ich fair shoppen möchte und nicht bei H&M. Da würde ich übrigens mehrere Jeans finden, die Variante im Mom-Schnitt gleich bis Größe 50.

Diversity at it's best*

#DropThePlus

Der Auslöser dieses Artikels ist zwar eine Jeans gewesen, aber mir geht das auch teilweise mit Unterwäsche, Bikinis oder ähnlichem so. Besonders im fairen Bereich finde ich jetzt schon keinen gutsitzenden BH mehr und mal ehrlich, Leute: Ich habe keinen großen Busen. Will sagen: Modemacher, denkt bitte nicht mehr an Size Zero oder Size Plus. Stellt einfach auch Bekleidung her für die Konsument*innen, die sich außerhalb der Range von Größe 36 bis 40 bewegen. Sonst muss ich – genau wie viele andere fair und sozial bewusst einkaufende Frauen wieder zu den Fast Fashion Brands wechseln. Und das könnt ihr doch nun wirklich nicht wollen.

 

 

*Credit: Gemma Chua-Tran / Unsplash

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