Warum kompensieren wir negative Gefühle mit Konsum, Katharina van Bronswijk?

Eine junge Frau sitzt in einem EInkaufswagen auf einem leeren Parkplatz

Foto: Bianca Lucas/Unsplash

Wann immer ich frustriert bin, kompensiere ich das: Ich bin beispielsweise ein ausgesprochen emotionaler Esser. Ich gebe Impulskäufen nach, verliere mich in sinnfreien Prominachrichten oder flüchte auf Pinterest.

Das alles tue ich im vollen Bewusstsein, dass ich mich den unangenehmen, negativ behafteten Gefühlen nur entziehe, anstatt mich damit auseinanderzusetzen, was mich gerade an nervt und was ein guter Umgang damit wäre. Warum ist das denn so, gerade weil ich ja weiß, was ich da tu? Mein Geist schaut sich quasi beim Selbstbetrug zu – und nachhaltig ist das Verhalten mal so gar nicht. Wie unsinnig! Um dem auf den Grund zu gehen, habe ich eine gefragt, die sich damit auskennt: Psychologin und Verhaltenstherapeutin Katharina van Bronswijk, Sprecherin der Psychologist For Future und bereits einmal hier zu Gast gewesen. Los gehts mit dem Gespräch:


Ich konsumiere, um negative Gefühle zu kompensieren. Ich weiß das und tu es dennoch. Welcher Mechanismus versteckt sich dahinter?

Um das zu wissen, müsste ich dir noch ein paar mehr Fragen stellen. Es kann viele Gründe geben, dass man konsumiert – vielleicht sogar mehr konsumiert als man wirklich braucht. Wir leben in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft. Das heißt, dass es eine soziale Norm ist, viel zu kaufen und zu konsumieren. Wir hinterfragen es nicht, weil es so normal ist. Menschen sind ja soziale Wesen, ein bisschen sind wir eben alle Mitläufer*innen und schauen uns viel von unserem Verhalten bei anderen Menschen ab.

Dass wir weniger arbeiten müssten, wenn wir weniger kaufen würden und weniger kaufen müssten, wenn wir vielleicht weniger frustriert von der Arbeit wären, steht da auf einem anderen Blatt.

Wir müssten diese Norm erstmal hinterfragen, um uns unseres Konsums bewusster zu werden.
Für viele Menschen ist Konsum auch eine Art Selbstbelohnung – eine Belohnung für die harte Arbeit zum Beispiel. Wir belohnen uns für unsere Arbeit, indem wir uns für unseren Lohn etwas kaufen, das uns gefällt. Dass wir weniger arbeiten müssten, wenn wir weniger kaufen würden und weniger kaufen müssten, wenn wir vielleicht weniger frustriert von der Arbeit wären, steht da auf einem anderen Blatt. Ein Stück weit ist Konsum auch manchmal eine Art der Gefühlsregulation – etwas Neues zu kaufen bereitet uns Freude, das fühlt sich gut an, damit kann man auch andere unangenehme Gefühle überdecken. Nicht nur die Unzufriedenheit mit der eigenen Arbeit, vielleicht auch Traurigkeit oder ein tieferliegendes Gefühl von Sinnlosigkeit.

Ein Stück weit beantworten wir uns selbst die Frage, wer wir sind in dieser Konsumgesellschaft, mit zwei Antworten: „Du bist, was du kaufst“ und „Du bist, was du leistest“ – wir definieren uns über unseren Jobtitel und über die Statussymbole, die wir uns kaufen. Das müssen übrigens nicht nur fette Karren oder ein schickes Haus sein, das kann auch eine exotische Fernreise sein. Das heißt, Konsum ist auch identitätsstiftend.

Ein Neon-Schriftzug hängt an einer Steinwand, darauf sthet "treat yourself" geschrieben. Im Vordergrund steht eine Pflanze.

Etienne Girardet/Unsplash

Selbst wenn ich weiß, dass hinter dem Konsumwunsch ein anderes Bedürfnis steht, ich dieses aber nicht befriedigen kann – wie gehe ich dann besser mit dem Wunsch nach Kompensation/Ablenkung damit um?

Um dem Identitätsfaktor hinter verschiedenen Statussymbolen gerecht zu werden, müssen wir die Frage, wer wir sind, anders beantworten lernen. Eine Möglichkeit ist, sich über seine Werte zu definieren. Werte sind wie ein Kompass. Sie sind keine Ziele, die wir irgendwann erreichen (wie zum Beispiel das Auto xy zu besitzen), sondern etwas wonach man immer streben kann, so wie man der Kompassnadel immer weiter Richtung Osten folgen kann. Werte sind so etwas wie (Selbst-)Fürsorge, Gesundheit oder Empathie. Man kann in jeder Sekunde seines Lebens, so eingeschränkt es auch sein mag, versuchen fürsorglich, gesundheitsorientiert und mitfühlend zu sein. Das ist ein Vorteil der Selbstdefinition über Werte – an ihr können wir nicht endgültig scheitern, im Gegensatz zu dem Traumhaus, dass wir uns vielleicht niemals leisten können werden.

Wenn es beim Konsum um ein anderes Bedürfnis geht – die Selbstbelohnung oder Spaß zum Beispiel, dann kann ich versuchen mich mit immateriellen Dingen zu belohnen oder die kleinen Dinge stärker zu genießen. Dabei kann uns Achtsamkeit helfen: Im Hier und Jetzt zu sein und einfach mit Neugier alle Sinneseindrücke auf sich wirken zu lassen. Man kann eine Schale Blaubeeren innerhalb einiger weniger Minuten in sich hineinstopfen oder jeder einzelnen Blaubeere die Chance geben, zur besten des ganzen Lebens zu werden. Das heißt, sie einzeln essen, sich Zeit nehmen, die Entfaltung des Geschmacks im Mund wahrzunehmen. Der öffnet ein Fenster für viel intensiveren Genuss.

Wenn es darum geht, dazu gehören zu wollen, dann kann man überlegen, wie man auf andere Art und Weise Verbundenheit mit seinen Freund*innen erleben kann. Intensive Gespräche, Zugewandtheit, sich wirklich zuhören und für den anderen da sein, das sind Erlebnisse, die sehr verbindend sein können. Dafür braucht man kein besonders neues Handy und es muss auch kein teures Restaurant sein, dafür reicht, das haben wir in der Pandemie gelernt, wenn man sich zu einem Spaziergang trifft. Ich höre schon die Leute, die sagen – aber in meinem Freundeskreis ist das total wichtig. Konsum und Statussymbole haben natürlich in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus unterschiedliche Bedeutung, es gibt Menschen mit mehr oder weniger materiellen oder post-materiellen Werten. Die Bedürfnisse, die hinter Freundschaften stehen sind aber bei allen Menschen gleich – wir wollen gemocht werden und wir sind soziale Wesen, die Beziehungen brauchen, um glücklich zu sein. Wie wir besser werden in „Freundschaften führen“ kann man zum Beispiel im Friendship Manifesto nachlesen.

Kann ich meinen Impuls umprogrammieren, von schlechter Ersatzbefriedigung zu gesunder – Beispiel: Ich persönlich will sofort Schokolade und Chips in Stresssituationen. Besser wäre ja: Oh wow, jetzt bin ich richtig wütend, jetzt gehe ich erstmal auf die Yogamatte?

Essen mit vielen Kalorien, möglichst viel Fett, Salz und Zucker, ist ein Frustessen, das uns auch von unserer Evolutionsgeschichte nahegelegt wird. Unser Gehirn ist allerdings noch auf dem Entwicklungsstand der Zeit vor der Sesshaftwerdung des Menschen – einer Zeit also, in der Nahrungsmittel oft knapp waren und Essen mit einer hohen Energiedichte (nicht nur) in gefährlichen Situationen ein wichtiger Überlebensfaktor war. Du kannst also erstmal Mitgefühl mit dir haben – es ist total normal und verständlich, dass du den Impuls hast, dich mit Essen zu trösten.

In Stresssituationen rufen wir oft automatisierte Routinen ab, das heißt es lohnt sich, außerhalb der totalen Stresssituationen solche Gewohnheiten zu verändern, dann liegt es auch im Stress näher, es anders zu machen.

Wir lernen auch schon als Babys, dass Essen Bindung bedeutet – also Trost. Mamas Brust, die Wärme, das Gehalten werden – alles das assoziieren wir mit Nahrungsaufnahme. Das zeigt aber auch: Es geht um Energieversorgung, Trost und eine Bindungserfahrung, die wir uns in Stresssituationen wünschen. Die Frage ist also, bei wem kannst du deinen Frust abladen, wo kannst du dich geborgen fühlen? Wo kannst du Kraft tanken? Und ja – natürlich ist es auch total hilfreich, die Stresshormone mit körperlicher Betätigung wie zum Beispiel Yoga abzubauen. In Stresssituationen rufen wir oft automatisierte Routinen ab, das heißt es lohnt sich, außerhalb der totalen Stresssituationen solche Gewohnheiten zu verändern, dann liegt es auch im Stress näher, es anders zu machen. Also – auch außerhalb von stressigen Phasen solltest du dir deine Yoga-Praxis sehr zu Herzen nehmen, dann greifst du in stressigen Zeiten auch eher darauf zurück.

Bei der Veränderung von Routinen kann auch die „Stimuluskontrolle“ helfen – klingt hochwissenschaftlich, heißt am Ende aber nur: Wenn ich keine Schokolade im Haus habe, dann kann ich sie auch nicht essen. Auch da hilft es also, wenn man beim Einkaufen schon entsprechend vorausdenkt.

Dann ist man beim nächsten Mal automatisch gezwungen, etwas anderes zu machen – und kann neue Muster aufbauen. Das ist einfach gesagt, aber schwieriger getan und erfordert natürlich, dass wir uns gut um uns selbst kümmern, wie gesunde Erwachsene eben. Wenn man Erwachsen ist, muss man die Verantwortung für sich ja selbst übernehmen, das machen dann nicht mehr die Eltern für einen.

Wie schaffe ich es zu unterscheiden, was ich wirklich brauche und was mir nur suggeriert wird? Wie bei Superfoods?

Es lohnt sich, sich im Zweifel medizinischen Rat einzuholen: Gibt es irgendwelche Nährstoffmangel oder bist du gut versorgt? Wenn du keinen Mangel hast, musst du auch keine Substitute nehmen. Eine ausgewogene Ernährung reicht meistens aus. Geht es nicht um Vitamine oder Mineralien - hör auf dein Gefühl. In diesem Kontext meine ich nicht Emotionen, sondern das Körpergefühl. Versuche möglichst wenig Werbung zu sehen, wir müssen nicht jedem Trend folgen, verheißungsvolle Werbebotschaften wecken Bedürfnisse, die wir eigentlich gar nicht haben. Höre eher auf die Effekte, die du an deinem Körper wahrnimmst, wenn du solche Nahrungsergänzungsmittel einnimmst. Um es besser einschätzen zu können, kann es dabei helfen, wenn du ein Protokoll führst, denn unsere Erinnerungen sind manchmal verzerrt. Überleg dir also vorher, an welchen Kriterien du einen Erfolg festmachen würdest und was potenziell andere Faktoren sein können, die diesen Effekt haben. Geht es dir langfristig besser, fühlst du dich vitaler – hast du mehr Energie und fühlst dich gesünder? Wunderbar. Merkst du keinen Unterschied – lass es weg. Je besser dein Körpergefühl ist, desto feiner wird dein Gespür dafür, was du wirklich brauchst.

Auf dem Bild ist Katharina van Bronswijk abgebildet

Psychologin Katharina van Bronswijk / A. Boehmann

Wenn ich mich durch den Kauf von bspw. Yoga-Kleidung oder hippen Einrichtungsgegenständen einer bestimmten Gruppe Mensch oder Szene zugehörig fühle, wie kann ich mich der Gruppe auch nahe fühlen, ohne eben diese Dinge zu kaufen?

Viele Sachen gibt es zum Beispiel pre-used und du kannst ihnen ein zweites Leben geben, dann verbraucht dein Konsum weniger Ressourcen und du kannst diese Dinge trotzdem kaufen.

Wenn es nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um die Genügsamkeit geht – es kann sich total sinnerfüllend anfühlen, wenn man sich bewusst gegen einen Kauf entscheidet. Das kann man richtig zelebrieren und es auch mit anderen aus der Community teilen. Vielleicht setzt du so sogar einen Trend. Oft ist es auch so, dass man Dinge, die man selbst gemacht hat oder repariert hat, besonders zu schätzen weiß, vielleicht ist das eine Alternative für dich. Man kann sich auch fragen, auf welchen anderen Dimensionen fühle ich mich mit dieser Community verbunden?

Oft hilft es gegen Impulskäufe und überflüssigen Konsum aber auch schon, wenn man den Kauf auf später verschiebt. Wenn du mehrere Wochen, Monate oder sogar Jahre (ja, so diszipliniert kann man sein) später wirklich noch daran denkst, dass du diese eine Sache unbedingt brauchst, hey, dann ist sie es vielleicht wirklich wert. Gerade die Dinge, denen man aus einem Trend heraus verfallen ist, sind ein paar Monate später gar nicht mehr so wichtig.

Man kann sich also fragen: Brauche ich das wirklich? Habe ich etwas anderes, das diesen Zweck schon erfüllt? Könnte ich es selbst machen? Könnte ich mir das von jemandem leihen?


Die Sprecherin der Psychologists and Psychotherapists for Future durfte ich schon letztes Jahr zum Thema „Psychologie und Klimawandel“ interviewen. Die Psychologin und Verhaltenstherapeutin mit Praxis in der Nähe von Hamburg ist schon lange im Klimaschutz aktiv und vereint ihre großen Herzensthemen Psychologie und Klima in Vorträgen, in diversen Publikationen und in ihrem Buch „Klima im Kopf, Angst, Wut, Hoffnung: Was die ökologische Krise mit uns macht“, das im August erscheint. Katharina schafft es, komplexe Sachverhalte verständlich zu machen und mit Sprachwitz und sehr viel Eloquenz nahezubringen. Ich sag’s mal so: absoluter Girlcrush!


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Hin da, Hamburger*innen: Moorville - Wir retten unser Moor / Sonntag, 03. Juli

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