Wahlen! Tolle Bücher, um die Stimmen in Ostdeutschland zu verstehen.

Das Bild zeigt den Grenzübergang zwischen der DDR und BDR, Leute gehen durch Türen

Hermann Wittekopf I Unsplash

 

Mit Katja Hoyers „Diesseits der Mauer“ fing es bei mir an: Ich habe mich erstmals wirklich für die Geschichte der DDR, der Menschen, die in der DDR lebten, und dafür interessiert, wie diese die Wende und die „Vereinigung“ erlebt haben. Nun ist jedes Buch, egal von wem, immer in einer bestimmten Farbe gefärbt. Will sagen: Wer nicht dabei war, wird es niemals ganz nachfühlen können, denn Fühlen ist etwas ganz Subjektives. Und ganz sicher hat nicht jede/r Bürger*in der DDR das Land oder den Mauerfall gleich empfunden. Und auch großangelegte Umfragen können nicht ganze Bevölkerungsgruppen erfassen. Fest steht jedoch: Es ist einiges schiefgegangen, damals und bis heute. Und um das Leben der Menschen in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern heute zu verstehen, und auch und insbesondere, warum die AfD heute so gute Umfragewerte für sich verzeichnen kann, der muss sich einlesen, und das in möglichst viele Perspektiven.

„Integriert doch erst mal uns!“

 
Das Cover zum Buch Ungleich vereint von Steffen Mau ist hier zu sehen, darauf die neuen Bundesländer in grün als Illustration
 

Steffen Mau – Ungleich vereint

Alles, was ich bisher von dem Soziologen Steffen Mau gelesen habe, hat mir gut gefallen und mir nicht nur wenige Aha-Momente beschert. Während ich „Ungleich vereint" las, schickte ich meinem Mann immer wieder Screenshots, weil ich so empört war über das, was mir dort entgegensprang. Geradezu imperialistisch empfand ich die Entscheidungen und Vorgaben der westdeutschen Politik. Von Vereinigung konnte man nicht viel lesen, eher von einer Vereinnahmung. Und das war es auch. Die Bonner erwarteten eine Angleichung des Ostens an den Westen. Wie das gehen soll, darum hat sich offensichtlich niemand bemüht.

Mau widerspricht in seinem Buch genau dieser Angleichungsthese: Der Osten wird nicht irgendwann so wie der Westen, er bleibt anders – wirtschaftlich, politisch und in der Mentalität. Wer verstehen will, warum sich so viele Menschen bis heute wie Bürger*innen zweiter Klasse fühlen und deshalb in eine Art „Ossifikation“ verfallen, bekommt hier die soziologische Grundlage dafür geliefert.

 
Das Cover vom Biuch Oststolz vom Parabelritter, Alexander Prinz ist hier zu sehen. Prinz schaut in die Kamera.
 

Alexander Prinz – Oststolz

Alexander Prinz ist vielen vermutlich eher als „Der dunkle Parabelritter" bekannt, mit dem er als einer der erfolgreichsten Politik-Creator des Landes durch Corona und seitdem durch so manchen Unsinn geführt hat. In diesem Buch schafft er eine persönliche Erzählung, mit biografischem Anteil und Sachbuch-Elementen. Ich liebe es. 1994 in Sachsen-Anhalt geboren, in einem 800-Seelen-Dorf mit Funkloch aufgewachsen – ein Drittel der Kinder an seiner Schule lebte unter der Armutsgrenze. In „Oststolz" erzählt er schonungslos ehrlich von dieser Kindheit und davon, wie eine „unsichtbare Mauer" aus niedrigeren Löhnen und Renten, mangelnder Anerkennung und westdeutscher Hegemonie den Alltag vieler Ostdeutscher bis heute prägt. Das ist besonders deshalb interessant, weil er aus der Generation nach der Mauerfall-Generation ist. Die Eltern hatten also entweder Glück und konnten ihren Lebensstandard halten, oder sie waren eben Eltern, die durch einen sozialen Abstieg durch Jobverlust ihren Kindern nicht viel mehr bieten konnten als absolut nachvollziehbaren West-Frust. Aus der Sicht eines Kindes, das nur mit halbem Ohr hinhört, was die Erwachsenen zusammen palavern, aber mitbekommt, wie sich um ihn herum alles stark verändert. Der sich gegen Narrative wehrt, die sich um die Kinder-Indoktrinierung der Nachwendezeit ranken.

Ja, meine Eltern gaben mir etwas weiter: ihr altes DDR-Spielzeug – die robusten Plastik Indianer und ungarischen Playmobil Plagiate. Aber doch nicht ihre Pionierhalstücher!

Was mich an dem Buch überzeugt: Es ist eben kein larmoyantes Jammern, sondern ein leidenschaftliches Plädoyer an seine eigene Nachwendegeneration, hierzubleiben und etwas daraus zu machen, bevor es die Falschen tun – und die Falschen, das wissen wir alle, sitzen gerade in Ostdeutschland sehr, sehr weit oben in den Umfragen.

 
Das Cover des Buches "Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat" ist hier zu sehen, es ist in pink gehalten
 

Annett Gröschner, Peggy Mädler, Wenke Seemann – Drei ostdeutsche Frauen betrinken sich und gründen den idealen Staat

Der Titel allein macht schon gute Laune, und genau so liest sich das Buch auch: drei Freundinnen am Küchentisch, es wird getrunken, gelacht, gerungen. Annett Gröschner, Peggy Mädler und Wenke Seemann reden über sich als „Ostfrauen", über das Glück krummer Lebensläufe und darüber, wie die eigene DDR-Vergangenheit sich ständig in die Gegenwart drängt. Es ist ein Gespräch, kein Sachbuch im klassischen Sinn, und genau das macht es so wertvoll: Hier wird nicht theoretisiert, sondern erzählt, mit viel Selbstironie und ganz ohne Nostalgie-Kitsch.

Ich mag an diesem Buch besonders, dass es die drei Frauen nicht in eine Schublade steckt, sondern zeigt, wie unterschiedlich „ostdeutsche Identität" innerhalb einer Generation aussehen kann. Die Frauen sind mit dem Buch gerade noch auf Vorstellungstour!

 
Das Cover zum Buch von "Fabelland" ist hier zu sehen, darauf  sitzen drei Menschen mit Blick auf das Brandenburger Tor
 

Ines Geipel – Fabelland

Ines Geipel ist im Sommer 1989 in den Westen geflüchtet und erlebt den Mauerfall dann als Studentin in Darmstadt. In „Fabelland" geht sie noch einmal zurück: in die politische Umbruchslandschaft nach 1989, in die eigene Familie, in all die verstellten Räume der Erinnerung. Sie fragt, woher der Zorn kommt, der heute so viel Debatten vergiftet, und woher die Verleugnung, wenn es um den aktuellen Zustand des Landes geht.

Was das Buch für mich besonders macht: Geipel nimmt weder Ost, noch West aus der Verantwortung. Es ist kein Buch, das nur Anklage erhebt, sondern eines, das ehrlich nach den eigenen blinden Flecken fragt – auf beiden Seiten. Genau diese Differenziertheit fehlt mir in der aktuellen Debatte oft.

 
Das Cover zu "Der Westen" von Cornelia Geissler ist hier zu sehen
 

Cornelia Geißler (Hg.) – Der Westen

Nachdem Dirk Oschmann mit „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung" für so viel Diskussionsstoff gesorgt hat, dreht dieses Buch den Blick einmal um. Cornelia Geißler hat namhafte Autor*innen versammelt – darunter Katja Lange-Müller, Thomas Brussig, Julia Franck und Kerstin Hensel –, die sich noch einmal ganz genau anschauen, was der Westen für sie eigentlich war und ist. Denn die Sicht der „Ossis" auf die „Wessis" fiel ja lange durch eine rosa Brille: Levis-Jeans, richtiger Kaffee, Pop und Punk und die verbotenen Bücher.

Mir gefällt an diesem Buch der Perspektivwechsel. Wir reden ständig darüber, wie der Westen den Osten sieht, aber viel zu selten darüber, wie sehr der Westen selbst zum Sehnsuchtsort stilisiert wurde und was davon bei genauerem Hinsehen übrigbleibt. Nicht so viel, will ich meinen. Ich war ja schließlich auch in den 1980ern hier im Westen dabei und das sah nicht immer so hedonistisch aus wie in Florian Illies “Generation Golf”.

 
Das Cover zum Buch von "Rolle rückwärts DDR?" ist hier zu sehen, darauf ein Foto der Autorin Katja Adler
 

Katja Adler – Rolle rückwärts DDR?

Autsch, das tut jetzt weh. Das ist ein für mich schmerzhafter Perspektivwechsel, der mir extrem gegen den Strich geht. Katja Adler, FDP-Bundestagsabgeordnete, ist mit ihren ersten 15 Lebensjahren in der DDR aufgewachsen – mit eingeschränkter Meinungs- und Reisefreiheit, mit Überwachung und Mangelwirtschaft. In ihrem Buch schaut sie mit diesem Erfahrungsschatz auf aktuelle Entwicklungen in der Bundesrepublik und fragt unbequem: Wo fangen wir an, Freiheiten leichtfertig aufzugeben, ohne es zu merken?

Ich persönlich sehe viele der hier diskutierten Freiheiten nicht als Geburtsrecht. Reisen, Tiere essen, Autofahren: Das ist kein Recht qua Geburt. Wenn man das beschneidet, weil es sonst die Natur zerstört, Tiere quält, oder Menschen diskriminiert („Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“), dann ist das für mich keine Freiheit, die beschützt werden muss. Katja Adler wäre meine Nemesis, denn wenn ich könnte, würde ich alles wegverbieten, was ihren Leser*innen „Spaß macht“. Und dabei den Planeten zerstört. Und dennoch stelle ich das Buch vor. Weil es so wichtig ist, sich anderen – demokratischen – Perspektiven zu stellen. Andere Meinungen zu erforschen. Vielleicht Konsens finden. Es zumindest mal versucht zu haben.

Adler behauptet nicht, wir lebten längst wieder wie in der DDR, aber sie warnt auch nicht reflexhaft alle davor, Parallelen überhaupt zu benennen. Diese Mittelposition, die sensibel bleibt für jede noch so kleine Rolle rückwärts, finde ich gerade jetzt wichtig. Auch wenns mir weh tut.

 

 
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