„Wir akzeptieren nichts“ – Ein Gespräch über Schule, Rechtsruck und Demokratie in Sachsen-Anhalt
Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt habe ich mit Kevin Tschisgale gesprochen. Er ist Fachbetreuer für Sozialkunde im Norden Sachsen-Anhalts und Lehrer am Dr.-Carl-Hermann-Gymnasium in Schönebeck an der (Elbe). Und er betreut das Projekt "Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage". Und das in Zeiten, in denen über 41 % der Befragten in Sachsen-Anhalt für die AfD stimmen. Was er erzählt, macht nachdenklich – und gibt Hoffnung zugleich.
Was mich wirklich besorgt: Argumentation spielt keine Rolle mehr. Der Diskurs ist weg. Das ist die Grundlage, auf der alles andere aufbaut. Kevin Tschisgale.
Julia: Kevin, du lebst und arbeitest in Sachsen-Anhalt. Wie ist die Stimmung dort aktuell?
Kevin: Ich wohne selbst in einem kleinen Dorf mit rund 1000 Einwohnern. In unserem engsten Kreis begegnen wir kaum offener Feindseligkeit – aber auf dem Dorffest zum Beispiel ist es unfassbar, in welch offen rassistischer und rechtsextremer Kleidung manche Menschen durch die Gegend laufen. Anfeindungen haben wir persönlich noch nicht erlebt. Ich habe bewusst an meinem Briefkasten den Aufkleber „Wir lieben Demokratie" – das „Lieben" als Herz in Regenbogenfarben. Der hängt bisher unkommentiert, was ich gut finde.
Wenn ich aber auf andere Dörfer in Sachsen-Anhalt schaue – da braucht keiner mehr Fahrtwasser. In Regionen, in denen die Menschen am wenigsten Kontakt mit den von der AfD proklamierten Problemen haben, passieren zum Teil schon erschreckende Dinge.
Und wie ist die Stimmungslage an deiner Schule?
Wir sind eine bewusst progressive Schule. Das hat uns bereits die Aufmerksamkeit der möglichen neuen Landesregierung eingebracht – wir haben das Statement bekommen, dass sie sich auf die Zusammenarbeit sehr freuen werden.
Unsere Schülerinnen und Schüler kommen aus dem ländlichen Umfeld. Wir merken, dass rassistisches Gedankengut aus manchen Elternhäusern zunimmt. Wir arbeiten aktiv dagegen: Im Foyer hängen prominent die Europa-Flagge und die Pride-Flagge, weil das für uns Vielfalt bedeutet. Viele Lehrkräfte haben klare Botschaften auf ihren Laptops. Und wir haben als Schule ein offenes Hausverbot für AfD-Politiker ausgesprochen – wir sind eine Schule ohne Rassismus und wollen keine Rechtsextremen bei uns.
Trotzdem merke ich über die letzten Jahre, dass wir eine Handvoll Schülerinnen und Schüler haben, die sich vom Phänotyp her so entwickeln, wie es der klassische Neonazi Anfang der Neunziger war – Springerstiefel, rote Schnürsenkel, Lonsdale.
Gibt es auch Schulen, denen es weniger gut gelingt?
Ja. Ich unterstütze Schulen, die mir sagen: Wir haben Angst. Was dürfen wir noch? In der Altmark hat mich eine Schule um Hilfe gebeten, weil die AfD ihr Indoktrination vorgeworfen hatte – wegen völlig normalem Unterrichtsmaterial. Ein AfD-affines Elternpaar hatte das nach außen getragen und fehlende „Neutralität" bemängelt. Der Begriff wird von der AfD instrumentalisiert: Das Neutralitätsgebot für Lehrkräfte bedeutet parteipolitische Neutralität – aber wo Menschenwürde missachtet wird, sind wir sogar verpflichtet, nicht neutral zu sein. Das widerspricht dem Eid, den wir auf das Grundgesetz geleistet haben.
Als ich diese Schule besuchte, war das optisch erschreckend: schwarze North-Face-Windbreaker, schwarze Cargohosen, New Balance – ein sehr uniformes Bild.
(Wie) kommt man an die Kids noch ran?
Das ist sehr unterschiedlich. Bei Kleidung mit rechtsextremen Symbolen erklären wir, warum das nicht geht, und lassen sie ausziehen – ohne zu stigmatisieren. Strafende Gespräche funktionieren nicht. Besser: Fragen stellen, dekonstruieren, in Projekten arbeiten. Aber ich bin weg von der Illusion, dass man jedes Kind noch erreichen kann. Manche sind im Elternhaus und im gesamten Sozialgefüge so verankert, dass wir für sie einfach die komischen Linken sind.
Blick in die Zukunft: Wie verändert sich euer Alltag, wenn die AfD die Mehrheit holt?
Ich bin überzeugt, dass bei uns die Schulleitung ausgetauscht wird. Das Fach Sozialkunde wird inhaltlich beschnitten – Antirassismus-Arbeit und Demokratiebildung raus, stattdessen Institutionenkunde. Womöglich wird daraus eine Art Staatsbürgerkunde. Projekte wie „Demokratie leben" oder unser Schultitel „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage" werden finanziell ausgetrocknet. Alles, was für Vielfalt und Demokratie steht, wird entweder sehr schwer oder unmöglich zu finanzieren sein.
Wie reagieren eure Schülerinnen und Schüler darauf?
Es gibt Angst – und Aktionismus, den ich sehr schön finde. Wir pflücken gemeinsam alle Wahlprogramme auseinander, um in einfacher Sprache verständlich zu machen, was da drinsteht. Am 27. August organisieren wir einen Bürgerdialog, zu dem alle Landtagskandidatinnen und -kandidaten eingeladen sind.
Die Älteren – Klassen 10 bis 12 – sind größtenteils aufgeklärte junge Menschen, denen die Gefahr bekannt ist. Meine Sorge gilt den Achten und Neunten: Sie stehen an der Schwelle zwischen dem, was Elternhaus, Peergroup und Fußballverein prägen – und dem, was Schule anbietet. Genau dort müssen wir besonders aufpassen.
Und die Kinder mit Migrationsgeschichte, wie geht es denen?
Den Eltern geht es nicht gut. Wenn etwa die Tochter die deutsche Staatsbürgerschaft hat, die Eltern aber nicht – da ist eine tiefe Angst. Die Kinder selbst bilden keine Subkultur, sie sind einfach Teil unserer Schule. Manchmal kriegt man Sachen gesagt, die einen sprachlos machen. Ein Mädchen aus der fünften Klasse erzählte auf die Frage, wie sie zu uns gekommen sei: „Die meiste Zeit auf dem Arm meiner großen Schwester, also zu Fuß." Die Kinder wirken trotzdem nicht übermäßig besorgt – zumindest die Älteren sind oft selbstbewusst genug, Dinge anzusprechen oder zu melden.
Was können wir in anderen Bundesländern tun, um diese Situation auch bei uns zu verhindern?
Soziales und gesellschaftliches Engagement bleibt wichtig – aber ich sehe offen gesagt einen großen Teil der Ursache in der aktuellen Regierungspolitik. Die Unzufriedenheit, die Menschen zur AfD treibt, kann ich ja teilweise sogar nachvollziehen, weil sie uns persönlich auch betrifft. Wir brauchen mutige Ideen, die nicht danach schielen, ob sie bei der nächsten Wahl Stimmen kosten. Und wir benötigen Politiker, die Tabula rasa machen – auch wenn es wehtut.
Was mich wirklich besorgt: Argumentation spielt keine Rolle mehr. Der Diskurs ist weg. Das ist die Grundlage, auf der alles andere aufbaut.
Nächste Woche gibt es hier auf dem Blog eine Liste guter Bücher, die aufzeigen, wieso wir besonders in Bundesländern wie Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern so eine starke AfD haben. Und was wir alle als starke Zivilgesellschaft unternehmen können – und müssen! –, um unsere wertvolle Demokratie zu schützen. Damit diese blauversiffte Hetzideologie der AfD, deren Lügenpresse wie NIUS und deren Verbots-Extremismus (Abtreibung, gendern, Asylrecht …) nicht auf Landesebene regieren darf. Ja – ich ändere die Narrative, indem ich die gleichen Schlagworte der AfD nutze. Nur in einem anderen Kontext. Hihi.