„Tatsächlich ist die Hoffnung wirklich mutig, weil sie enttäuscht werden kann.“
Arne Semsrott – Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück
Zuletzt gab ich hier fünf einfache Tipps, um den eigenen Alltag demokratiefreundlich zu gestalten. Einfach, weil einfach umsetzbar. Denn die meisten Menschen, die ich kenne, haben – oder vielleicht auch treffender: nehmen sich – wenig Zeit für ein Engagement außerhalb der eigenen vier Wände. Aber dann gibt es Menschen wie Arne Semsrott, der sowohl in seinen vier Wänden als auch sonst stets ein Aktivist ist. Weshalb ich hier sein Buch vorstelle.
Das Buch „Gegenmacht: Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ – eine Anleitung für die demokratische Offensive – wird gefeiert in Funk & Print und unter allen Gleichdenkenden und Fühlenden in allen Social-Media-Kanälen. Auf gut 190 Seiten führt der Autor uns durch die folgenden Kapitel:
Demokratie und Macht – die Herrschaft der Mehrheit
Gerechtigkeit und Sorgearbeit: I care
Medien und Kultur: Neue Räume schaffen
Besitzen und Enteignen: Das Eigentum verpflichtet
Bürokratie und Beharrungskräfte: Gerechte Verwaltung
Klima und Krise: Glory in Prevention
Kommen und Gehen: Das Recht auf Recht
Hoffnung und Tanzen: Weitermachen
Arne Semsrott ist Politikwissenschaftler, Journalist und Aktivist. Und er leitet das Recherche- und Transparenzportal FragDenStaat. Ein guter Mensch also, ein linksorientierter Mensch, ein talentierter und vor allem ein sehr kluger Mensch. Sein Buch „Machtübernahme“ zählte laut der Süddeutschen zu den wichtigsten Büchern des Jahres 2026. Und alles, was er an Fakten, Daten und Zahlen in „Gegenmacht“ darbietet, ist großartig zusammengetragen, verknüpft und relevant. Jedoch …
Wo ist die Neutralität!
Mir fehlt bei all dem gut Erarbeiteten zu oft eine neutrale Aussage. Denn obgleich Semsrott schreibt, wie von rechter Seite aus Narrative geschaffen werden, teilweise mit falschen Aussagen, haut er doch in die gleiche Kerbe des Populistischen. Beispiel: Ich stolpere schon über den ersten Satz des Klappentextes: „Demokratie, Frieden, Klimaschutz: Lange geglaubte Sicherheiten werden zerstört.“ Hoppla, denke ich da. Wie dramatisch. Ich zumindest kann mich an keine Sicherheit für Frieden erinnern, in meinen fast 50 Jahren auf dieser Welt. Auch Umweltschutz hatte zwar einen globalen Peak 2018, versank als Trend aber gleich wieder im Nirgendwo. Arne hat also weder Tschernobyl noch das große Waldsterben, den sauren Regen, den Kalten Krieg, die Wiedervereinigung, den ersten und den zweiten Golfkrieg, den Jugoslawienkrieg und selbst 9/11 so richtig mitbekommen. Die elf Jahre, die uns trennen, die haben mir schon als Kind gezeigt: Frieden = unsicheres Ding. Naturschutz = interessiert keine Sau. Gut, beim Thema Demokratie stimme ich ihm zu. Selbst ich, als betont politisch erzogenes Wesen, hätte nicht gedacht, dass wir hier heute wirklich um den Bestand der Demokratie kämpfen müssen.
Oder hier, im Absatz zum Thema Umfragepopulismus. Da beschreibt er anhand eines fiktiven Beispiels: „Die AfD attackiert die Wikipedia, weil diese angeblich nicht ‚objektiv‘ und ‚zu links‘ sei.“ Und schreibt ein Skandalisierungskampagnen-Drehbuch, wie also die Rechten mit verzerrten Aussagen über ihre Hebelmedien nius oder die BILD bis in die Mainstreammedien hinein das Narrativ pflanzen könnten: Wikimedia ist links und der Staat finanziert das mit Fördergeldern. Ja, das kann so passieren! So setzen Parteien Themen auf, und gelangen durch Wiederholungen bis in alle Kanäle hinein zur Legitimation. Passiert übrigens auf beiden Seiten, auch von den Linken. Nun holt Semsrott also in diesem Umfrage-Absatz aus und erklärt den Leser*innen, dass Parteien regelmäßig Umfragen in Auftrag geben, deren Antworten sie dann nur veröffentlichen, wenn ihnen die Antworten in den Kram passen.
Jetzt kommt’s: Um das zu unterstreichen, nutzt er hier ein Beispiel der Union, die bestimmte Themen eben nicht breit publiziert: „… Die größte Macht haben also diejenigen, die bestimmen, was gefragt wird. Regierungen und Akteure können selbst entscheiden, ob ihnen ein Umfrageergebnis in den Kram passt. Passen die Daten, werden sie prominent präsentiert, um den Anschein eines gesellschaftlichen Konsenses zu erzeugen. Passen sie nicht, verschwinden sie in der Schublade. Die Mehrheiten für eine Vermögenssteuer (sogar die Mehrheit der Unions-Anhänger ist dafür!), für ein Tempolimit (sogar die Mehrheit der Unions-Anhänger ist dafür!) … werden von der Regierung kaum zitiert …“.
Tempolimit, Mehrheit? Kann ich mir nicht vorstellen und hake beim Umfrageinstitut YouGov nach. Und siehe da … Für diese Umfrage wurden insgesamt 2.013 Personen befragt, darunter 372 Personen, die angaben, bei der nächsten Bundestagswahl für die CDU/CSU zu stimmen. Der zuständige Datenjournalist der Umfrage dazu im Begleittext: „Etwas zurückhaltender zeigt sich das Lager der Union. Aber auch hier sind 58 Prozent eher dafür.“
Eher dafür ist schon mal nicht dafür. Und bei nur 372 befragten Personen, kann doch nicht die Rede davon sein, die Mehrheit der Unions-Anhänger sei dafür. Mitglied in der CSU/CDU sind schon mal knapp 500.000 Menschen. Und dann kommen noch die Nicht-Mitglieder hinzu, die die CDU/CSU wählen! Also: Umfragepopulismus!
Korrekt gewesen wäre übrigens: „32 Prozent der Befragten befürworten ein Tempolimit voll und ganz, 26 Prozent befürworten es eher. 24 Prozent der Befragten lehnen es voll und ganz ab, 14 Prozent lehnen es eher ab.“
So druckt natürlich niemand seine Ergebnisse. Solche Umfrageergebnisse muss man mit dem sprichwörtlichen Körnchen Salz nehmen – aber kann das jeder? Ich weiß nicht, ob alle Menschen solche Zahlen gut einordnen können. Möglicherweise ist dies der Fall, und meine Einwände sind super kleinlich. Ist in Ordnung, an vielen Stellen des Blogs habe ich sicher auch Studienergebnisse geteilt, die gut in meinen Confirmation Bias passen. Aber ich schreibe eben keine Sachbücher. Ich bin nur eine kleine Schreiberline.
Deshalb: Ich fordere Neutralität. Ich benötige keine Dramatisierung – weder von rechts, noch von links. Denn beide Seiten setzen auf Populismus. Ich kritisiere das nicht nur an Arne Semsrott. Das ist etwas, was mir schon lange quer im Magen liegt. Quasi alle legen die Zahlen oder Fakten so für sich aus, dass sie in den Confirmation-Bias passt.
Die LINKE lädt in ihrem Newsletter sogar ganz offen zur Populismus-Akademie ein, um die öffentliche Meinung beeinflussen zu können. Arne findet das gut. Denn: “Man darf der Versuchung nicht verfallen, den politischen Konflikt zu meiden, nur weil “Polarisierung“ als Kampfbegriff eingesetzt wird.” Da stellt sich mir die Frage …
… für wen schreibt Arne eigentlich dieses Buch?
Dass das Buch sehr links-politisch anmutet, ist bei dem Verfasser natürlich zu erwarten und im Grunde auch gut so. Wenn er nur nicht so sehr in die Solidaritäts-Bubble abrutschen würde und uns Leser*innen erklärt, dass beim Musikfestival Fusion sogar die Klo-Reinigungs-Schicht Spaß machen kann, wenn man denn nur in einer Gemeinschaft ein Projekt aufzieht. Das kann gut sein, allerdings kenne ich wiederum nur die hedonistischen Agenturmitarbeiter*innen, die zum Ketamin ziehen auf dem Festival sind, und nicht für solidarische Küchenarbeit. Arne und ich würden uns also auf Festivals nie begegnen – und auch sonst unterscheidet sich unsere Bubble wohl erheblich.
„Klar, Engagement kostet Kraft. Aber haben wir wirklich die Kraft, nichts zu tun? Haben wir die Energie, tatenlos zuzusehen?“ – Arne Semsrott
Katrin Albert bringt es in ihrer Rezension in der Süddeutschen auf den Punkt: “So stellt sich beim Lesen die Frage, für wen er dieses Buch eigentlich schreibt. Für den von Krisen überforderten Bürger, der nach Selbstwirksamkeit sucht – oder doch für seine eigene Blase?”
Genau diese Frage treibt auch mich um. Denn: Das Buch ist easy wegzulesen, komplexe Sachverhalte sind einfach heruntergebrochen, es kann hier aufrütteln, und da motivieren. Aber wer sind die Adressaten? Die, die bereits aktivistisch sind? Und wer es nicht ist, wird er/sie es nach der Lektüre? Wenn Arne fragt: Haben wir die Energie, tatenlos zuzusehen? Weise ich ihn gerne auf den letzten Sommer hin. Die Welt brennt. Die Felder verdorrt. Hitzetote. Hindert die Deutschen aber nicht daran, ihren geplanten Urlaub auf die umweltfreundlichen Schienen zu verlegen. Nein. Hier schreibt der ADAC über die langen Staus des Sommers 2026. Und bei diesem Thema geht es um konkrete Lebensgefahr für alle. Wie sollen sich Menschen dann bei einer so unkonkreten Gefahr einer abstrakten, autoritären Wende verhalten?
Ich bin umgeben von Menschen, denen es schon zu viel ist, den Müll zu trennen. Die trotz gut gefülltem Konto zum Billigfleisch greifen. Die in den Urlaub fliegen. Die unter „politischem Engagement“ verstehen, zur Wahl zu gehen und sich ansonsten nur in Dauerschleife zu empören. Untereinander, nicht in der jeweiligen Partei-Bürgersprechstunde, versteht sich. Ehrenamt? Fremdwort. Selten habe ich dann mal so engagierte Menschen wie eine Tania Gosh um mich, die sich mit Haut und Haar für Menschen einsetzen und dabei regelmäßig über ihre eigene Belastungsgrenze gehen. Hier findest du eine wichtige Petition von ihr.
Aber noch so ein Beispiel für den Willen der Deutschen zur Veränderung und zum “Verzicht”: der Veggie-Tag in der Kantine. Oder: die vegane Currywurst bei VW. Direkt wieder Geschichte, weil der „Kraftriegel der Facharbeiter“, so Gerhard Schröder empört, nach nur zwei Jahren wieder auf der Karte stand. Der Mensch, das unwillige Wesen. Mein Verbrennungsmotor, mein Billigfleisch, mein Steingarten. Und diese Leute sollen sich zusammenfinden und Türgespräche für die gute Sache führen?
Arne möchte ein gutes Leben für alle – aber wer packt mit an?
Semsrott möchte gute Lösungen für alle finden. Das Leben aller Menschen verbessern, Strukturen für Gemeinschaften aufziehen. Ich möchte das auch! Doch hier ist der große Riss zwischen seiner und meiner Erfahrung mit überregionaler Hilfsbereitschaft. Ja, das gab es schon: 2015 war das mal so, und auch während der ersten Rutsche der Corona-Pandemie klatschten die Leute vom Balkon. Aber wie in einem Fußball-Sommermärchen ist diese Bereitschaft eben schnell wieder vorbei. Da klatscht dann keiner mehr, und faltet auch niemand mehr gerne abgetragene Pullover in der Kleiderkammer. Ich habe mich für Menschen ohne Obdach eingesetzt, für alleinstehende Senior*innen, für Sex-Arbeiter*innen und ehrenamtlich für den CSD gearbeitet. Einen Balkon-Flohmarkt veranstaltet für die Tafel – siehe Bild. Das war gestern. Ich bin zum Realo, politisch und auch sonst, gemacht worden. Einfach, weil keiner mitangepackt hat, bei meinen Unternehmungen. Schon Spenden war den meisten too much. Arne zaubert Utopien auf, indem er glaubt, dass er die große Soli-Bewegung schaffen kann. Nicht nur einzelne Netzwerke, sondern ein großes Netz im gesamten Bundesgebiet. Alle helfen mit, alle packen mit an. Wann gab es das in der Geschichte der Menschheit?
„Ich möchte eine Politik, in der niemand mehr ‚hart‘ arbeiten muss. Ich will ein sanftes, schönes Leben für alle: Gerechtigkeit, Freude, Sinn. Ich will, dass alle Menschen ihr Leben genießen können.“ – Arne Semsrott
Mein Fazit zu: Die Zivilgesellschaft schlägt (vielleicht) zurück
Das Buch ist für jeden Menschen gemacht, der sich entweder wirklich engagieren will. Oder sich zumindest inspirieren möchte und ein paar gute Take-aways mitnimmt und vielleicht einige der guten Organisationen, wie die von Semsrott sehr gelobten “Omas gegen rechts”, zumindest finanziell unterstützt. Oder für eher nach Neutralität suchende Menschen, wie mich. Um sich mal wieder so richtig schön durchtriggern zu lassen. Auch das ist wichtig, denn andere Blickwinkel einzunehmen ist einer der wichtigsten Pfeiler der Demokratie. Es hat Spaß gemacht, die Fußnoten zu prüfen. Das lege ich ohnehin allen Menschen ans Herz. Prüft, was ihr lest. Immer!
Auch wenn ich eine große Verfechterin des Stichworts „Eigenverantwortung übernehmen“ bin: In diesem Falle befürchte ich, müssen diese Strukturen von oben kommen. Ich sehe Arne und seine Forderungen viel eher im Politik-Betrieb als in der Gesellschaft verankert. Was er fordert und umsetzen will, gehört in den Bundestag. Prove me wrong!
Mehr politische Bücher gibt es an dieser Stelle auf dem Blog!