JETZT: Fünf Tipps für mehr Demokratie in deinem Alltag!

Eine junge Frau hält auf einer Demo ein Schild hoch, worauf steht: we demand democracy

Fred Moon I Unsplash

 

Ja, die AfD ist da. For real. Geht auch nicht mehr weg. Schuld ist natürlich jetzt einzig: Joachim-Friedrich Martin Josef Merz. Kein Sympathieträger, war er noch nie. Stand immer schon für Rente mit 70, traf misogyne Äußerungen noch und nöcher, verwechselt Motivation zum gemeinschaftlichen Anpacken mit  Niedermachen des bisher Geleisteten und dies, das Ananas.

Aber ich sage: Wie so oft, Schuld ist nicht der Joachim-Friedrich. Nicht alleine. Die AfD profitiert von dem globalen Rechtsruck, profitiert von Krisen, Kriegen und von Elon Musk. Sie wächst dank Inflation. Und alle Kanzler*innen vor Merz haben auch ihren Teil beigetragen. Und ich. Und du.

Denn der Mensch ist der Mensch, und der kehrt am liebsten nicht vor der eigenen Tür, sondern immer am liebsten vor der, wo alle kehren wollen. Und das ist vor dem Kanzleramt. Mitnichten, ich will Merz nicht als Kanzler behalten, eigentlich ist der mir egal. Was global und in Deutschland in Schieflage geraten ist, das ist egal mit welcher Kanzlerschaft nicht so einfach aufzuhalten. Bleibt also die oft zitierte Frage: Frage nicht die Demokratie, was sie für dich tun kann – Verzeih mir diese Albernheit. Frage dich: Wie demokratisch lebe ich eigentlich im Alltag? Und wenn wir uns das alle fragen und den Alltag demokratiefreundlicher gestalten, ist dann nicht schon viel getan? Ganz ohne Kanzlerschaftsfragenklärung? Deshalb kommen hier fünf gut umsetzbare Tipps, um den Alltag demokriefreundlich zu gestalten.

 
Eine Grafik zeigt die Icons von Social Media Kanälen, in der Mitte ist das Emoji "Daumen nach unten"

Igor Omilaev I Unsplash

 

1. Kill the Messenger: Weg mit Social Media

Social Media ist einer der mächtigsten Kanäle für politische Botschaften geworden. Dabei gibt es gute Absender, wie die Tagesschau. Es gibt aber auch inflationär viele Polit-Influencer*innen. Nichts verbreitet sich heute so rasant, wie Aussagen in Reels. Keine Presseagentur kann so schnell agieren – denn hier wird jede Meldung sorgfältig, der Inhalt wird geprüft und die Fakten werden eingehend geprüft. Bei Instagram und TikTok entstand eine komplette Gehirnwäsche-Blase. Der Algorithmus zeigt User*innen immer nur, was sie bereits konsumiert haben. User*innen bleiben im Confirmation-Bias und fragen nicht groß nach. Und das alles, um Zuckerberg und Konsorten die Taschen vollzuschaufeln. Das ist antidemokratischer Konsum. Schalt das ab. Konsumiere ordentlich aufbereitete, journalistische Inhalte. Sieh dir Diskussionsrunden im TV an. Höre gut gemachte Podcasts aus verlässlicher Quelle an. Bilde dich weiter bei der Bundeszentrale für politische Bildung. Abermals deutlich: Du unterstützt mit Social Media Anti-Demokraten. Wenn du echte Veränderung willst, starte bei dir: Reels zu teilen ist keine politische Beteiligung. Lies hier, warum ich seit über sieben Jahren nicht mehr auf Social Media bin.

 
Ein Foto zeigt ein kunstvoll gestaltetes Plakat gegen die AfD. Mit Perlen und bunten Farben verziert.

TNL I Unsplash

 

2. Konsum: Der hochpolitische Joghurt

Das Thema kennst du vielleicht schon. Kaufe bitte diese Marken nicht mehr, denn dadurch unterstützt du am Ende die Anti-Demokraten.

Theo Müller: alle Müller-Joghurtprodukte, Landliebe, Weihenstephan, Sachsenmilch. Sowie die Marken: Homann, die als Lizenznehmer die NORDSEE‑Produkte für den Supermarkt herstellen, Nadler, Berief Tofuprodukte, und deren Hafer-, Soja- und Mandelbasis-Pflanzenmilch und Almhof. Backwerk-Gründer Hans-Christian Limmer war zu dem berüchtigten Treffen in Brandenburg geladen. Boykott. Der verstorbene Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz wurde lobend von Tino Chrupalla auf X erwähnt, denn er „brach mit Servus TV den allzu engen Meinungskorridor im deutschen Sprachraum auf“. Boykott. Sowieso, weil superungesund.

Der Rapunzel-Geschäftsführer Joseph Wilhelm erboste sich einst silberhütrig über die Corona-Maßnahmen und lud den Klimawandel leugnenden Professor Ralf Otterpohl als Dozent auf Rapunzel-Events. Dessen legendärer Satz zu seinen Studierenden: „derjenigen Person 2.000 € geboten hat, die die Auswirkungen von CO₂ nachweisen könne“.

Müssen wir abschließend noch darüber reden, dass man keine – neuen – Technik-Produkte von chinesischen oder amerikanischen Großkonzernen kaufen soll? Nein, oder? Genau wie “googeln” über Ecosia. Das gehört zum gesunden Menschenverstand.

 
Ein iPad liegt auf einer Ausgabe der ZEIT, mit dem Buch von Mark Schieritz
 

3. Unterstütze journalistische Arbeit und kaufe (Sach‑)Bücher.

Ich habe lange Jahre mit allen relevanten Medienhäusern eng zusammengearbeitet. Nicht einmal ist mir dabei ein/e bestechliche/r Redakteur/in untergekommen. Das Misstrauen in Medien ist kein deutscher Einzelfall. Wieder mal haben wir es mit einem globalen Phänomen zu tun. Ich nahm das erstmals 2008 wahr, als in den USA Breitbart News mit ihren Verschwörungstheorien zum Massenmedium wurden. Ich wehre mich ja in aller Form gegen die Unterteilung in Elite und Nicht-Elite, gegen „die da oben“ und „wir da unten“. Für eine demokratische Gesellschaft ist eine souveräne, freie Medienlandschaft essenziell. Zu viele Menschen konsumieren Nachrichten nur noch über Social Media, und somit ungeprüft und vor allem innerhalb des confirmation bias. Wir benötigen aber unabhängige, gut aufbereitete, journalistische Inhalte. Auch im Digital-Abo, als Tablet-Ausgabe. Egal ob die von mir früher pikiert abgelehnte konservative FAZ, zur ZEIT, zur Süddeutschen, oder zur taz darf man gerne mal greifen, und meinetwegen auch zum boulevardesken Stern. Auch der Lokaljournalismus mit den Stadtmagazinen oder Tageszeitungen wie die Szene Hamburg, die Stadtrevue Köln, die Hannoversche Allgemeine Zeitung, oder die WAZ sind wichtige Publikationen, um demokratische Ziele zu erreichen. “Lokaljournalismus sorgt für beständige Wählerschaften, soll Korruption senken, und fördert den Dialog zwischen unterschiedlichen, gesellschaftlichen Gruppen und Meinungen.” Diesen Satz habe ich wiederum aus einem sehr empfehlenswerten Medium. Dem Katapult-Magazin. Ein Liebhaberheft für politische Statistiker*innen.

 

Studien belegen, dass die bloße Anwesenheit von Lokaljournalismus die Korruption senkt und die Wahlbeteiligung erhöht. Ohne Lokaljournalismus können sich menschenfeindliche Fake News hingegen leicht verbreiten. Extremistische Parteien profitieren davon“ Katapult Magazin.

 

Du hast kein Budget für regelmäßige Unterstützung? Leg doch einfach mal alle paar Wochen eine der infrage kommenden Publikationen in den Einkaufskorb. Du musst natürlich nicht direkt ein Abo abschließen. Kannst du aber – und es dir bspw. mit jemandem teilen!

Apropos. Wie wäre es mit einem Buchclub oder einer Buchfreundschaft, bei der man gemeinsam Bücher kauft und liest? Denn wie im Bereich Printmedien gehen auch die Auflagenzahlen im Segment Sachbücher stark zurück. Dabei ist das Sachbuch die für mich wichtigste Wissens-und-Nachhaken-Quelle überhaupt. Für mich gilt: immer erst mal einlesen. Schön, dass junge Menschen mit neuen Sparten wie Young Adults und New Romance endlich mal wieder zum Buch greifen und ihre Gehirne nicht ständig mit einem Bildschirm überstrapazieren. Aber: Wissen ist Macht. Nichts wissen macht sehr viel. Nichts wäre heute, wenn es damals nicht gewesen wäre, wie es war. Alles hängt mit allem zusammen und erst der große Blick aufs Ganze bringt Erkenntnis, warum heute läuft, was ist. Das Sachbuch kostet mitunter 40 € und ich habe Verständnis, wenn sich das nicht alle leisten können! Hier sind Bücherhallen eine wunderbare Lösung. Auf dem Blog findest du einige tolle Sachbücher, wie das Werk von ZEIT-Redakteur Mark Schieritz „Zu dumm für die Demokratie“, oder eine Sammlung von Büchern, um die aktuelle Lage in Ostdeutschland nachvollziehen zu können.

 
 

4. Sei du doch mal das Kapitalistenschwein.

Die meisten hier lesenden Menschen gehören nicht in die Kategorie Spitzenverdiener*innen. Ich leider auch nicht. Ich wäre gerne richtig reich. Dabei werden „die Reichen“ gerne mal direkt angefeindet. Warum sich also gedanklich nicht mal in eines der Kapitalistenschweinchen hineinversetzen? Immer nur die eigene Polit-Brille aufsetzen, macht blind. Verrückte Idee, vielleicht sogar mal mit einem Unternehmermenschen sprechen? Ich habe zweimal teilgenommen bei der tollen Aktion der ZEIT, „Deutschland spricht“. Ich saß mit einem CDU-Wähler zusammen, der viele seiner Geschäfte in Russland betrieb. Und ich bin sehr anti-russische Regierung. Ich sage: Love Russia – Hate Putin. Russland ist nämlich zum Sterben schön. Ich schweife ab. Dieser Abend war toll, spannend und wir fanden Gemeinsamkeiten. Auch mein nächster, durch Corona, digitale Austausch war toll. Will sagen: Der frühere Stammtisch, wo Mensch in hitzige Diskussionen verfiel, ist weg. Verschanzt wird sich hinter dem Screen. Dabei ist das Miteinander-reden so wichtig, um verschiedene Standpunkte einnehmen zu können. Gerne würde ich mit einem AfD-Wählenden mal sprechen. Was genau treibt dich dazu, diese Partei zu wählen? Versuch doch du auch mal, zuzuhören, wenn die andere Seite spricht. Statt „Sollen sie Kuchen essen“ und „Eat the rich“ benötigen wir – gerade in dieser höchst erhitzten Lage – einen Konsens. Dazu gehören alle Seiten, zumindest gedanklich, an einen Tisch. Alle demokratischen Seiten, versteht sich.

Ich beziehe die Newsletter aller Parteien: AfD, SPD, CDU, LINKE, FDP, Grüne und des BSW. Der Newsletter der AfD verdient seine Bezeichnung nicht, sie kommunizieren quasi ausschließlich über antidemokratische Social-Media-Kanäle. Der Newsletter der Grünen ist Klassenprimus. Inhaltsvoll, rasant, inkl. gut vorbereiteter Aktionsaufrufe. Der Newsletter der Linken ist wenig überraschend vorrangig propagandistisch. Die CDU ist zurückhaltend. Hier abonnierte ich noch zusätzlich den Newsletter vom Bundestagsabgeordneten Dr. Jan-Marco Luczak. Der ist auch sehr inhaltsvoll, trifft grundsätzlich nicht meine Sichtweise, aber – als ich ihm zu einem bestimmten Punkt einmal etwas zurückspielte, hat er sich viel Zeit genommen und mir eine ellenlange Antwort geschrieben. Ein „Deutschland spricht“-Light. Das gefiel mir sehr, denn der Mann lebt den Beruf des engagierten Politikers. Brauchen wir! 

 
Ein Schwedenhaus mit einem "Kreuz für Vielfalt" der Aktion beherzt. für Demokratie und Vielfalt e.V. ist hier zu sehen

Das Kreuz für Vielfalt!

 

Martin Semsrott schreibt in seinem Buch „Gegenmacht – Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“: „Für Aktivismus braucht es Aktivität, zu der man fähig sein muss.“ Das umfasst so vieles: Gesundheit, Regionalität, Zeit, finanzielle Ressourcen … Einbringen kann man sich dennoch. Selbst von zu Hause aus! Sei es, indem man in eine demokratische Partei eintritt. Das alleine, der Eintritt und der monatliche Mitgliedsbeitrag helfen Parteien bereits, demokratische Glaubwürdigkeit in der Öffentlichkeit zu erhalten. Auch der Eintritt in eine Gewerkschaft hilft, Demokratie zu schützen. Und, siehe oben, abonniere doch ein Lokalblatt. Du kannst auch für ehrenamtliche Vereine von Zuhause arbeiten, sei es, um Texte zu verfassen, Schatzmeister*in zu sein, digitale Kanäle zu befüllen etc. Und wenn du Energie und Zeit hast, kannst du in Freiwilligenbörsen stöbern. Von der Ersthelfer-Ausbildung, zur Arbeit im Tierheim, in Sportstätten und Jugendarbeit, in Altersheimen, in der Kirche, in Spendenlädchen – ach, die Auswahl ist riesengroß. Freiwilligenarbeit ist einer der Stützpfeiler einer funktionierenden Gesellschaft.

Ebenso relevant ist die Sichtbarkeit. Je mehr Menschen verstummen, weil sie Angst vor der AfD bekommen, desto weniger Menschen trauen sich auch, Solidarität zu zeigen. Das kann politische Statement-Mode sein. Hier habe ich einen Post mit Fair Fashion items dazu. Das können Buttons sein, oder Socken. Oder Fahnen am Balkon. Oder, wie wir, du besorgst dir auch eines der Holzkreuze der „Gruppe beherzt. Für Demokratie und Vielfalt e. V.“ Wir haben dafür Kritik aus der Nachbarschaft eingesteckt, aber das ist uns egal. Wir wohnen an einer von Touristen viel bewanderten Straße – und lieben es, dass die Leute beim Anblick des Kreuzes rätseln, wofür das steht. Manche zücken ihr Handy, lesen sich ein. Bei uns im Dorf gibt es eine Handvoll der Kreuze. Aber es werden immer mehr. Durch dich vielleicht auch? https://beherzt.info/

 

Danke für die Aufmerksamkeit und schreib doch mal: Was macht für dich ein demokratisches Leben aus?

 

 
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