Protest: Psychotherapeutische Leistungen werden gekürzt
Was ein Geniestreich: Das Bundesministerium für Gesundheit (CDU), der GKV-Spitzenverband und die kassenärztliche Bundesvereinigung kürzen den Vergütungssatz für Psychotherapeut*innen.
Entschieden wurde eine Absenkung der Vergütung von ambulanten, psychotherapeutischen Gesprächsleistungen zum 1. April 2026 um 4,5 %. Quelle: aerzteblatt.de.
Die Psychotherapeutin Johanna Alisa Jung hat eine Petition gestartet: Monatelange Wartezeiten – und jetzt werden psychotherapeutische Leistungen gekürzt? Ich gehe auf die Petition ein und rante ein bisschen mit.
Die Kassen und ihre Lobby: Deutsche sind zu oft krank
In den letzten Jahren sind die Versuchsballons der Lobbyist*innen deutlich schärfer geworden. Forderungen meines ganz persönlicher „Sympathieträgers“ Bernd Raffelhüschen nach drei unbezahlten Karenztagen bei Krankheit und seiner Selbstbeteiligung von bis zu 2.000€. Oder Astrid Hamker & Wolfgang Steiger mit ihrer geschickt platzierte Idee, Zahnarztkosten aus dem Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen zu streichen – Lobby*innen schießen scharf. Medien springen auf das Thema auf. Und die Bevölkerung wird langsam, aber sicher darauf vorbereitet, dass da ein ganz großer Kahlschlag kommen könnte. Dass nun auch bei den psychischen Erkrankungen mit dem Rotstift gestrichen wird, wen mag das verwundern. Die Kassen verargumentieren:
“Laut den Krankenkassen haben niedergelassene Psychotherapeutinnen und -therapeuten mit einer eigenen Praxis in den vergangenen Jahren „überproportionale Honorarerhöhungen“ erhalten. Die Ausgaben für ambulante psychotherapeutische Versorgung hätten sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt“. ZDF.
Statt Ursachen zu bekämpfen, werden Leistungen gekürzt. Crazy Idee, fragt man mich. Fragt mich aber keiner. Petition-Starterin Johanna Alisa Jung schreibt dazu: Psychische Erkrankungen gehören bereits heute zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit und Frühberentung. Trifft auch auf mich zu. Frühberentet mit 45 wegen komplexen Traumas und chronischer Erschöpfung. Ich verstehe natürlich, dass das den Kassen nicht schmeckt. Absolut sogar. Allerdings brauchen wir gerade deshalb die Möglichkeit zur Prophylaxe, zur Behandlung und zur Ursachenbekämpfung.
Diese Entscheidung sendet ein widersprüchliches Signal: Während politisch gefordert wird, Krankheitszeiten zu reduzieren und die Erwerbsfähigkeit zu stärken, wird gleichzeitig genau die Versorgung geschwächt, die Menschen dabei hilft, psychische Krisen zu bewältigen, gesund zu werden und wieder am Arbeitsleben teilzunehmen. Johanna Alisa Jung.
Therapeut*innen sind überwiegend Selbstständige. Wenige sind in einer Praxis angestellt. Von ihrem Leistungssatz zahlen sie also, wie alle Selbstständige, ihre Betriebskosten wie Praxismiete und Einrichtung, Hardware und Software. Sie zahlen ihre eigenen Kranken- und Rentenkassenbeiträge ggf. auch ihre Arbeitslosenversicherung. Wenn da 4,5 % wegfallen, ist das ein spürbarer Einschnitt. Das Durchschnittsgehalt eine/r Therapeut*in liegt bei 4.500 % brutto monatlich. Im Vorstand einer gesetzlichen Krankenkasse verdient man durchschnittlich 350.000 € p. a.
Das geben Krankenkassen für Marketing aus:
Laut research tools haben die untersuchten 50 gesetzliche Krankenversicherungen in einem Jahr rund 75 Millionen Euro in die mediale Kommunikation investiert. Das entspricht einem Anstieg von knapp 16 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr. Untersucht wurden Marketingausgaben in den Mediengattungen Internet (Internetbanner und YouTube-Werbevideos), Out-of-Home, Radio, TV, Zeitschriften, Zeitungen. Also ist der gesamte eigene Werbe- und Kommunikationsauftritt, wie Eigenpublikationen, Events, Internetauftritt, Social Media Kooperationen, Influencer-Marketing noch nicht einmal enthalten. Schon interessant, in diesem Kontext, oder?
Schon jetzt warten Menschen über ein Jahr auf einen Therapieplatz
Ich selber habe für meine Therapiesuche Stunden und Stunden investiert. Ich habe über achtzig Traumatherapeut*innen in Hamburg kontaktiert. Auch für Freundinnen suchte ich schon wochenlang für Therapieplätze. Und das kann ich nur, weil ich eine Kommunikationsberaterin bin. Systematische Recherche, Menschen kontaktieren, Zeiten dabei einhalten (es gibt bei den meisten Therapeut*innen Sprechzeiten, in denen man sie anrufen kann), das alles fällt mir leicht. Da draußen sitzen Menschen vor dem Telefon und haben nicht die Kraft, Energie oder auch den Mut, jemanden anzurufen, und um Hilfe zu bitten. Das sind tausende. Ich bekomme selber oft Mails von Menschen, die mich um Ideen zur Suche bitten. Und KI ist keine Lösung! Der künstliche Therapeut ist kein adäquater Ersatz.
Die Nina: Zuerst die Hürde Primärarztsystem
Nina Warken, Gesundheitsministerin (CDU) hat zwar angesetzt, die Einführung des Primärarztsystems umzusetzen. Das würde beuteten, dass hilfesuchende, oft kraftlose Menschen sich zuerst an eine hausärztlichen Praxis wenden müssen, um eine Überweisung zu einer Psychotherapie zu erhalten. Dagegen gab es direkt Protest. Das Problem dabei ist die Schwelle, die hier gesetzt wird. Menschen haben oft genug Scham, sich zu öffnen und um Hilfe zu bitten. Auf der anderen Seite gibt es noch viele Hausärzt*innen, die eine psychische Erkrankung noch als Lappalie abtun und medical gaslighting betreiben. „Gehen Sie an die frische Luft“, „Nehmen Sie doch einfach Baldrian“ sind dann da so wenig hilfreiche Empfehlungen. Betroffene brauchen aber einen direkten Zugang, schnell und unkompliziert. Und siehe oben, kompliziert ist das schon genug. Ich hatte hier auch schon über die von Tania Ghosh gestartete Gegen-Petition berichtet. Tania aktuell zu ihrer Petition: „Zunächst die gute Nachricht: Unsere Petition wirkt! Der Erhalt des Direktzugangs zur Psychotherapie ist inzwischen klar in der politischen Debatte angekommen. Aus dem Bundestag gibt es Rückmeldungen, die unsere Forderung unterstützen. So wurde uns erneut bestätigt, dass sich Abgeordnete für eine Ausnahme der Psychotherapie im geplanten Primärversorgungssystem einsetzen wollen”
Das ganz große Problem an der Leistungskürzung: Therapeut*innen müssen zum Ausgleich ggf. Plätze an Selbstzahler/Privatpatienten abgeben. So verschärft sich die Situation für die gesetzlich Versicherten umso mehr.
Hier die Forderungen:
Eigentlich sollen wir uns am besten selbst heilen und den Sozialstaat nicht belasten. Irgendwie verwirrend. Auf der einen Seite kuschelte die Klöckner mit der Fast Food-Indutrie, andererseits jammern dann die Kassen über viele Krankenstände, verursacht durch eine schlechte Ernährung. Hmmmmm.
Einerseits sollen wir bis 70 arbeiten, andererseits sollen unsere Zähne und Psyche verfaulen. Es sei denn, man ist privat versichert. Dann dürfen wir uns behandeln lassen.
Ja, wir haben ein marodes, Bürokratie-verfilztes Gesundheitssystem. Ja, die Regulierungen machen schnelle, vielleicht günstigere Krankenkassen-Maßnahmen oder neue, günstigere Alternativen oft schwer. Ja, es gibt auch viele (psychisch) kranke Menschen. Aber solange wir nicht echte Ursachen bekämpfen und Menschen gesund halten, statt sie zu behandeln, wenn sie schon krank sind – solange fallen Gewinne und steigen die Kosten. Ist doch ganz einfach.
Johanna und ihre schon weit über 200.000 Unterstützer*innen fordern also:
• die Rücknahme der Abwertung der psychotherapeutischen Gesprächsleistungen im EBM
• eine politische Strategie zur nachhaltigen Stärkung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung
• eine Vergütungsstruktur, die der gesellschaftlichen Bedeutung psychischer Gesundheit gerecht wird
Wer fordert, dass Menschen länger gesund arbeiten sollen, darf die Behandlung psychischer Erkrankungen nicht schwächen. Psychische Gesundheit ist keine Sparmaßnahme – sie ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Stabilität, Teilhabe, Wohlbefinden und Arbeitsfähigkeit.
Also bitte jetzt hier unterzeichnen: change.org. ✍🏻